Der Bronzeleuchter

Auf einem pyramidenförmigen Sockel, der auf vier Adlern ruht, erhebt sich der Schaft des feuervergoldeten Kandelabers. Er besteht aus sieben Walzen. Zwischen der sechsten und siebenten gehen seitlich zwei gewellte Arme aus Weinlaub ab. Auf deren »Wellen« befinden sich sieben Kerzen. In den »Wellentälern« hängen kleine Wappenschilde, diese deuten auf eine kaiserliche Stiftung nach 1373 im Zusammenhang mit der Belehnung der minderjährigen Kaisersöhne mit der Markgrafschaft Brandenburg hin.

Unter den erhaltenen monumentalen Leuchtern des Mittelalters zeichnet sich unser Kandelaber mit einer Höhe von 4,70 m und einer Breite von 4,20 m durch seine ungewöhnliche Form und seinen reichen Reliefschmuck aus. Es gibt kein in Typ und Dekor vergleichbares Beispiel.

Die christliche Gemeinde hat den siebenarmigen Leuchter des jüdischen Tempels übernommen. Sie hat ihm jedoch eine neue Deutung gegeben. Sie sieht mit der jüdischen Gemeinde in den sieben Flammen des Leuchters ein Symbol der sieben Gaben des Geistes, und bezieht sie auf Christus.

Von den sieben Gaben des Geistes spricht der Prophet Jesaja im Kapitel 11, 1 – 2:

»Es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. Auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn.«

In dem bekannten Weihnachtslied wird diese Stelle aus dem Alten Testament aufgegriffen:

»Es ist ein Ros’ ensprungen
aus einer Wurzel zart,
wie uns die Alten sungen;
von Jesse kam die Art.
Das Röslein, das ich meine,
davon Jesaja sagt,
hat uns gebracht alleine
Marie die reine Magd; …«

Der Spross aus der Wurzel Jesse (Isai) ist Jesus Christus. So erzählt der Künstler vom Fuß
des Leuchters beginnend nach oben zu in 30 Reliefbildern die Geschichte von Jesus. Er beginnt mit der Wurzel Jesse und der Ankündigung der Geburt Jesu an Maria. Es folgen Szenen der Kindheit, der Passion und Ostern. Der Zyklus endet mit dem Pfingstereignis. Die Jünger Jesu sind im Tempel beisammen und über ihren Häuptern brennen die sieben Kerzen als Symbole der Gaben des Geistes.

»Als der Tag der Pfingsten erfüllt war, waren sie alle beieinander an einem Ort. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie eines gewaltigen Windes und erfüllte das ganze Haus, da sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt, wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeglichen unter ihnen, und sie wurden alle voll des heiligen Geistes.« (Apostelgeschichte 2, 1 – 3)

Bei keinem der aus der Literatur bekannten 54 Leuchter (heute sind nur noch 28 zum Teil erhalten) ist die Verbindung zwischen der Verheißung aus Jesaja und deren Erfüllung im Neuen Testament so überzeugend gelöst worden wie bei unserem Kandelaber. Insofern ist er kunstgeschichtlich von hervorragender Bedeutung.

Wolfgang Töppen